Kann man wieder den Fernseher einschalten, ohne das einem ein c bis d Prominenter mit seinen Erinnerungen, einem sentimental-kitschigen Doku-Dramas oder ein Privatsender mit vollkommen belanglosen und z.T. falschen Informationen zum Mauerfall in Berlin ins Gesicht springt?
Natürlich ist der 9. November ein wichtiger Teil der deutschen & globalen Geschichte, ein Tag an dem aus Schabowskis Ausrutscher mit dem berühmten „Das tritt nach meiner Kenntnis… ist das sofort, unverzüglich“ glücklicher Weise ein friedvolles Öffnen der Grenze wurde. Und ja, das man 20 Jahre später daran erinnern will, ist verständlich.Aber proportional zur Bedeutung des Datums für die BRD ist, zeigt sich die Belanglosigkeit der Fernsehlandschaft, die in den letzten Tagen Stunden von Sendezeit dem Thema gewidmet haben.
Natürlich lag der Fokus der meisten Sendungen auf den Emotionen: Wo waren Sie am 9.11.? Was haben Sie gefühlt? Was denken Sie heute? Waren Sie auch als erstes im Beate Uhse Shop am Bahnhof Zoo? Und schmeckte die Banane? Analysen und Sachlichkeit waren fast gänzlich auf die öffentlich-rechtlichen Sender und deren Untersender verbannt, die sich aber eine gewissen Prise Gefühl nicht entgehen lassen wollten. Z.B. das Dokudrama „Schabowskis Zettel“, welches den 9.11. neben Interviews mit Schabowski selbst, mit Gerhard Lauter, der den Zettel schrieb, mit den Grenzsoldaten der Bornholmer Straße und ein paar Journalisten auch Berichte von eines Ostberliner Ehepaars und eines Westberliner Studenten enthielt. Soweit so gut, aber: „ Dokudrama - umgesetzt im Stil der US-Serie "24" - verfolgt mehrere Protagonisten über die entscheidenden Stunden jenes historischen Tages“ schient zu bedeuten, dass man kitschig-schlechte Musik zu Szenen der Ruckelbühne Föhr zeigt. Der Ansatz war vollkommen in Ordnung, aber anscheinend war das Budget für die Spielszenen dann lieber für das Honorar für Tom Brokow eingesetzt. Das Resultat war dementsprechend gemischt – recht gute Interviews die zwar auch auf Gefühle ausgelegt waren aber dennoch guten und informativen Inhalt hatten, aber durch wenig ausgefeilten Dramateil untergraben wurden.
Das ZDF konnte mit Guido Knopp wieder ihren Haus und Hof Historiker vorzeigen, der, egal wie umstritten er in Fachkreisen ist, wenigstens im Vergleich zu den Privat Kollegen sich auf Sendungen vorbereitet.
Während die RTL Gruppe so geniale Sendungen wie „Ätsch Genossen!“ (so was wie die lustigsten Fluchversuche aus der DDR) präsentierten, schoß Prosieben den Vogel mit einem Beitrag in Taff zu „Was wissen die Deutschen über die DDR?“ ab nach der Frage „Wie lang war die innerdeutsche Grenze?“ – die Antworten inklusive der von Taff waren allesamt falsch, denn die bezog sich auf die Grenze um Berlin (ca. 170km) und nicht auf die gesamte (ca. 1300km) – kam die Frage, ob Ossis oder Wessis öfter Fremdgehen… Ohne Kommentar.
Die Banalisierung des Mauerfalls zur persönlichen Anekdote macht interessanter Weise auch vor dem Ausland nicht halt (oder ist da der Ursprung für die Entwicklung der oberflächlichen Reportagen im dt. TV): Ich übergebe das Wort an Jon Stewart:
Am Ende habe ich ein etwas schlechtes Gewissen ob ich nicht Unrecht tue (vor allem, wenn ich die Daily Show hier aufnehme, die sich selbst als Comedy versteht): Ich habe bei weitem nicht alles gesehen, was zum Zwanzigsten im Tv lief und gebe dementsprechend meinen Eindruck der aufgenommenen Sendungen wieder.
Da ich aber zur Zeit viel von zu Hause arbeite und dadurch mehr TV sehe, kommt mir das kalte Graußen, wenn ich sehe mit welchen belanglosen Material die Sender den Tag füllen: „Mitten im Leben“(RTL), „Reality Affairs“ (Pro7), „Kallwass“ (Sat1), „Frauentausch“ (RTL2) etcetc. Und selbst die „Wissensmagazine“ wie „Galileo“ und „Wunderwelt Wissen“ haben weniger Gehalt als eine „Sendung mit der Maus“ oder klauen sich ihre Beiträge bei anderen Sendungen (schön zu sehen, das Galileo auch die Mythbusters sieht).
Wenn sich dann diese Haltung zur Banalität auf die Nachrichten auswirken, finde ich das mehr als fragwürdig. Ein guter Bericht, der manchmal auch etwas befangenen Sendung ZAPP, fast meine Bedenken besser (recherchiert) zusammen als ich das (aus dem Handgelenk) könnte:
Wenig Aufklärung - Journalisten ohne Haltung und Ahnung
Das schöne am bloggen ist, das man mal einen Wortschwall ablassen kann, den man nicht recherchemäßig untermauern muss… und man sich dementsprechend dem Vergehen selbst schuldig macht, das man gerade bemängelt.